Jun
2009
Michael Jackson - Die Angst war sein Mörder
Michael Jackson (†50)
Die Angst war sein MörderÂ
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Der Notruf ging um 21.21 Uhr in der Rettungszentrale von Los Angeles ein. „Wir haben einen Gentleman hier, der Hilfe braucht“, sagte ein Mann mit Panik in der Stimme, „er ist bewusstlos, und er atmet nicht.“
Der Mann in der Zentrale fragte nach dem Alter des Bewusstlosen und der Adresse, und während der Notarztwagen schon unterwegs war, riet er dem Anrufer noch, den Bewusstlosen auf den Boden zu legen und bot dem Unbekannten an, ihn fernmündlich in Wiederbelebungsmaßnamen zu instruieren.
Wenig später waren die Sanitäter am Ort des Geschehens, einem prächtigen, von einer Mauer umgebenen Anwesen im Edelquartier Holmby Hills in Bel Air.
An der Eingangstür der an ein französisches Rokoko-Schloss erinnernden Villa wurden sie bereits ungeduldig erwartet. Doch es war zu spät. Weder die ambulanten Rettungskräfte noch die Mediziner im nahen UCLA Medical Center schafften es, das Herz des Mannes wiederzubeleben. Um 14.26 teilten sie den angehörigen mit, dass sie nichts mehr tun könnten.
Wenig später ging die traurige Nachricht in die Welt: Michael Jackson, der berühmteste Popstar aller Zeiten, war tot.
Die Meldung schüttelte den Planeten durch wie zuletzt der Unfalltod von Prinzessin Diana vor rund zwölf Jahren.
Tausende versammelten sich zu einer spontanen Trauerkundgebung vor dem Hospital.
Auch der Hollywood Boulevard, wo Jackson vor dem Grauman’s Chinese Theater mit einem Stern verewigt ist, schwoll mit Menschen an, von den viele mit Kerzen, Blumen, Plakaten, Action-Figuren und bunten Plastikerzen ausgestattet waren – und das Trottoir in einen Wallfahrtsort verwandelten.
Und nicht nur Kollegen wie Madonna die „gar nicht aufhören konnte, zu heulen“ und Brooke Shields, „deren Herz voller Trauer“ war. Auch Politiker von Schwarzenegger bis Guttenberg kondolierten öffentlich. Und sogar der mächtigste Mann der Welt, der amerikanische Präsident Barack Obama, pries Jackson in einem offiziellen Statement als „Musikikone“ und spektakulären Performer.“
Das Plenum des Repräsentantenhauses legte eine Schweigeminute ein, welche die Demokratische Abgeordnete abgeordnete Dianne Watson mit den Worten einleitete: „Wir erheben uns, um einem Star Anerkennung zu zollen, der jetzt im Himmel ist“.
Um so größer war der Schock, da der Mann zuletzt genau dorthin wieder blicken konnte. In knapp drei Wochen hätte er weder auftreten sollen, und es sollte nicht weniger werden, als das größte Comeback der Rockgeschichte. Größer als das von Elvis Presley, der sich nach Jahren hitfreier Platten und drittklassiger Hollywoodfilme 1969 mit den berühmten „Memphis-Sessions“ und Hits wie „In The Ghetto“ und „Suspicious Minds“ spektakulär im Rampenlicht zurückmeldete. Größer als das von Tina Turner, die sich nach ihrem Ausbruch aus der Ehehölle mit Ike Turner und dem Absturz 1984 als „Private Dancer“ neu erfand.
Michael Jackson, spätestens seit seinem letzten, vor acht Jahren erschienenen Album „Invincible“ künstlerisch für bankrott erklärt, seit seinem Prozess wegen Kindesmissbrauchs, der 2005 mit einem fragwürdigen und von der Jury lediglich wegen letzter Zweifel erfolgten Freispruch endete, auch gesellschaftlich erledigt – der ins Bodenlose gefallene „King of Pop“ wollte es allen noch einmal zeigen. Und mit einer Reihe von Konzerten in der Londoner O2-Halle nicht etwa nur auf die Bühne zurückkehren.
Es sollte der Höhe- und Schlusspunkt dessen sein, was dann als Jahrhundertkarriere in die Geschichtsbücher eingehen würde.
Schon die pure Ankündigung war eine sensationelle Nachricht. Abgesehen von einer Handvoll von Charity-Shows um die Jahrtausendwende herum sowie einem desaströsen Mini-Auftritt im November 2006 bei den World Music Awards in London hatte man Jackson seit mehr als zehn Jahren nie mehr live erlebt. Und hatte es nicht noch kurz zuvor geheißen, sein Gesundheitszustand sei so fragil, dass er sich kaum noch aus dem Haus traut?
Die Jahre nach dem Schauprozess in Santa Barbara hatte er ein für seine Verhältnisse diskretes Leben geführt – ein Nomadenleben.
Eine zeitlang wohnte er in Bahrain, wo ihm Scheich Salman bin Hamad Ali Khalifa ein 50000 Quadratmeter großes Grundstück samt Palast spendiert hatte. Nach einem Zerwürfnis mit seinem Gastgeber, von dem wenig bekannt wurde, außer dass der exzentrische Amerikaner sich geweigert haben soll ein Musical zu schreiben, zog Jackson wieder ab, pendelte zwischen Dubai, Dublin und St. Tropez.
Er trug sich mit dem Gedanken, ein Haus in der Schweiz zu kaufen, ließ sich dann aber doch lieber in Las Vegas nieder.
Im Juli 2008 machte ein Foto die Runde, das den einstigen Pop-Heroen in Pyjamas und Pantoffeln im Rollstuhl: ein Anblick, bei dem man die brutale Schlagzeile der britischen Zeitung „The Sun“ geradezu nachvollziehen konnte: „Demise of the King of Pop“ stand da geschrieben, „der Niedergang des King of Pop“. Dann und wann hörte man aber auch, Jackson plane ein neues Album.
Mit den R&B-Größen Ne-Yo und Akon soll er im Studio gewesen sein, Will.i.am von den Black Eyed Peas bestätigte dass er Jackson neue Songs auf den Leib geschrieben habe.
Und nun das. Es ist Donnerstag, der 5. März 2009, ein beißend kalter Tag in London. Angekündigt ist ein „Special Announcement“ von Michael Jackson im Foyer der O2-Halle in den Docklands. Die News sind schon am Morgen in den Zeitungen nachzulesen: Michael Jackson will die britische Hauptstadt im Sommer mit zehn Auftritten beehren. Die Pressekonferenz ist für 16 Uhr angesetzt. Aber was wird er darüber hinaus zu erzählen haben. Wird er die Formel für Weltfrieden verkünden? Wird er Fragen beantworten?
Kommt die ganze Wahrheit über die Kinderpartys auf seiner Neverland-Ranch, seine deformierte Erscheinung, seine finanziellen Schwierigkeiten ans Licht? Wird er im Pyjama auftreten und ein taufrisches Baby über dem Bühnenrand zappeln lassen? Wird er überhaupt erscheinen?
So oder so, die Massenversammlung von Fans, Reportern und sonstigen Schlachtenbummlern in und vor der Halle Stellung bezogen haben, beweist eindrücklich, dass Jackson auch heute noch „News“ ist.
Mit eindreiviertel Stunden Verspätung steht er auch endlich da, dieser Michael Jackson, macht mit seiner Rechten das Victoryzeichen und sagt: „I love you so much. I love you so much.“ Die versammelte Runde, zu der gestandene Journalisten ebenso gehören wie Teenager und deren Eltern versinkt in inniger, respektvoller Stille. Jackson guckt kurz auf seine Schuhe, zupft am Ärmel, lehnt sich vor: „Thank you all.“ Räuspert sich. Rückt das Mikrofon zurecht. Sticht mit dem Zeigefinger in die Luft und sagt:
„This – is – it!“ Wie bitte? „Ich will nur sagen, dieses werden meine letzten Show-Performances sein in London. Das wird es sein. This is it. Wenn ich sage: This is it, dann heißt das nun wirklich: This is it. Denn …“.
Ein Zwischenruf aus dem Publikum entlockt Jackson ein Schmunzeln. Dann spricht er weiter: „Ich werde die Songs aufführen, die meine Fans hören wollen.“ Pause. „This is it. Ich meine: This is really it. Das ist der endgültige Schlusspunkt. Okay? Ich werde euch also im Juli sehen“. Dann hebt er die Hand zum Gruß. „I love you. I really do. Das müsst ihr wissen. This is it – see you in July!“ Dann entschwindet er hinter den feuerroten Vorhängen.
Einige Tage später folgt die Nachricht, dass Jackson der Ticket-Nachfrage entsprechend vierzig weitere Konzerte bestreiten wolle. Insgesamt fünfzig Shows in einer Halle, die 17 000 Zuschauer fasst. Beim ersten Ansturm gingen stündlich 39 474 Karten wag. Die Konzerte waren in Rekordfrist ausverkauft. 750000 Menschen würden Michael Jackson vom 8. Juli an auf der Bühne erleben. Ein Triumph. Der King of Pop war wieder da. Und natürlich glaubte niemand, dass danach Schluss sein würde. Hieß sein bester Song und seine Devise nicht „Don’t Stop Til You Get Enough“?
Keiner damals ahnte, dass er Jackson weder in London noch sonstwo je wieder zu Gesicht bekommen würde.
Die vom Hauch des Surrealen umwehte Pressekonferenz in der O2-arena war sein letzter öffentlicher Auftritt. Erste Indizien dafür, dass das Comeback wohl doch nicht so rund laufen würde, gab es dann vergangenen Monat, als der Auftakt der Shows um mehrere Tage nach hinten gelegt wurde. Offiziell begründet wurde dies mit der langen Bühnenabstinenz des Stars und damit, das der Erfinder des die Gesetze der Schwerkraft und der Orthopädie gleichermaßen überwindenen „Moonwalk“ seinen Fans einen neuen Tanz präsentieren wolle. In Wirklichkeit war Jackson in Panik. „Ich ging ins Bett in dem Glauben, mich auf zehn Konzerte einstellen zu müssen, und als ich aufwachte, waren es fünfzig.“
Bei den Proben im Staples Center in Los Angeles soll er dennoch zunächst motiviert und bei der Sache gewesen sein, heißt es aus seiner Crew, zuletzt sei er jedoch oft zu spät öfter lustlos und undisponiert gewesen. Auch am vergangenen Mittwoch sei er statt um sieben Uhr Abend erst um zehn erschienen, allerdings nicht als offensichtlich todkranker Mann. „Er war genauso gut in Kondition wie wir alle“, berichtet Sarah aus Jacksons Tanzteam. Kein Grund zur übertriebenen Sorge also. Die Shows in London würde man schon schaukeln. Am erhofften „Back with a Bang“-Effekt durfte man jedoch so seine Zweifel haben.
Am meisten zweifelte wohl Jackson selbst, daran, dass er mit seine Karriere und sein Leben noch einmal zu einem guten Ende führen würde. Schon zehn Jahre lang plagten ihn Depressionen und düstere Todesahnungen. Lisa Marie Presley, mit der er von 1994 bis 1996 verheiratet war, postete auf ihrer MySpace-Seite, der Star habe ihr seinerzeit gestanden, er fürchte sich so zu sterben, wie Elvis. Auf ihre Bitte, er solle sich solche Dinge aus dem Kopf schlagen, habe Jackson nur die Schultern gehoben und gemeint: „Die Dinge sind wie sie sind.“
Elvis wahr ohnehin der Leitstern für Jackson. So wie sich der Junge aus Tupelo, Mississippi der Musik der Schwarzen bemächtigte, um sie weiß und damit massentauglich zu machen, so nahm Jackson die Musik der Weißen, um sie ihnen als schwarz zurückzuverkaufen. Mit dem selbst verliehenen Titel „King of Pop“, auf dem er auch bei seinen ausgewählten Interviewern als Anrede bestand, signalisierte er ja auch, als wessen legitimer Nachfolger er sich verstand. Die Ehe mit Lisa Marie, in der er auch eine posthume Vermählung des King of Pop mit dem King sah, scheiterte leider. Der relativ unverhohlen gehegte Plan, aus dem Blut der beiden größten Showstars aller Zeiten ein Erbe für die Unendlichkeit war, nachdem er alles erreicht hatte, was es zu erreichen gibt, im Grunde sein letztes Ziel.
So blieb ihm nur noch, sich zumindest zurückzuholen, was ihm Elvis schließlich voraus hatte: eine Kindheit.

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