10
Apr
2009

Kleiner Hase mit großen Ohren

Kleiner Hase mit großen Ohren 
  
Es war einmal ein kleiner Hase, der hatte schrecklich große Ohren. Nun haben
ja alle Hasen ziemlich große Ohren, aber dieser hier hatte die allergrößten,
die man sich an einem Hasen überhaupt vorstellen kann. Er musste sich
ordentlich anstrengen, wenn er sie aufrecht halten wollte. Meistens
schlappten sie herunter und streiften den Boden.
Alle andern Hasen sahen ihn höhnisch an und lachte ihn aus. “Seht nur den
komischen Kerl!” riefen sie. “Hat man jemals solche Ohren gesehen? Er sollte
auf den Jahrmarkt gehen und sich ausstellen lassen. Da würden die Leute
staunen.”
Der kleine Hase schämte sich sehr. Er wagte sich kaum noch unter
seinesgleichen. Weil er seine Ohren nicht verstecken konnte, versteckte er
sich am Ende selbst, so oft und so gut es ging. An einem schönen
Frühlingstag in der Osterzeit hockte der kleine Hase betrübt im dunklen
Unterholz und traute sich nicht in den hellen Sonnenschein hinaus. Überall
blühten Veilchen und Windröschen. Die Luft war erfüllt vom Zwitschern der
Vögel. Als der kleine Hase schon lange Zeit so gesessen und betrübt
hinausgeblickt hatte, sah er ein Kind näher kommen. Das ging ganz allein
durch den Wald und weinte. Es war von zu Hause fortgelaufen, weil es
glaubte, dass niemand es mehr lieb hätte. Das Kind war ein Mädchen und hieß
Nina.
Nicht weit von der Stelle, wo der kleine Hase im Unterholz hockte, setzte
sich Nina auf einen Stein und schluchzte.
Eine Weile hörte der kleine Hase zu. Dann verließ er sein Versteck und
tippte das Mädchen mit einer Pfote an. “Warum weinst du denn?” fragte er.
Nina blickte auf und war gar nicht besonders erschrocken. Sie fand, dass der
kleine Hase sehr lieb aussah. “Ach”, antwortete sie, “das ist eine lange
Geschichte”. “Erzähl sie mir!” antwortete der kleine Hase. “Ich will dir
gern zuhören.”
Nina zögerte nur einen Augenblick, dann fing sie an zu erzählen: “Alles
begann damit, dass ich heute morgen beim Frühstück meine Kakaotasse
umgestoßen habe. Es gäbe einen großen Fleck auf dem Tischtuch, und meine
Mutter jammerte, nun hätte sie noch mehr Arbeit als sonst.”
Nina schwieg und blickte den kleinen Hasen unsicher an. “Und dann?” fragte
er. Da erzählte sie weiter: “Später in der Schule musste ich immer an meine
arme Mutter denken und konnte nicht ordentlich aufpassen. Da schimpfte der
Lehrer mit mir.” Nina schwieg wieder. “Und dann?” fragte der kleine Hase.
“Zu Hause beim Mittagessen erzählte ich, dass der Lehrer mit mir geschimpft
hatte. Da wurde mein Vater böse und zankte mich aus.”
Mit Tränen in den Augen sah Nina den kleinen Hasen abwartend an. “Erzähl nur
weiter!” sagte er. “Sicher war das noch nicht alles.”
Sie schüttelte den Kopf und fuhr fort: “Ich war zornig und traurig, weil
mein Vater mich ausgezankt hatte. Da bekam ich Streit mit meinem kleinen
Bruder und nahm ihm seins liebstes Spielzeug weg. Er heulte, und als
nachmittags unsere Großmutter zu Besuch kam, erzählte er ihr, was ich getan
hatte. Sonst liest sie uns beiden immer eine Geschichte vor, aber diesmal
durfte nur mein Bruder zuhören. Ich wurde zur Strafe hinausgeschickt. Da bin
ich fortgelaufen.”
Der kleine Hase legte seine Pfote auf Ninas Hand und sprach: “Es gibt Tage,
die fangen verkehrt an und gehen verkehrt weiter. Aber sie können ein gutes
Ende nehmen. Geh nur nach Hause! Ich bin sicher, dass dort schon alle auf
dich warten.”
“Danke, dass du mir zugehört hast”, sagte Nina und sah ihn aufmerksam an.
“Du hast überhaupt wunderschöne Zuhör-Ohren. Ich kenne niemand, der so
schöne Zuhör-Ohren hat wie du.” Da lachte der kleine Hase und freute sich
sehr. Als Nina sich getröstet auf den Heimweg gemacht hatte, kehrte er zu
den anderen Hasen zurück und schämte sich nie mehr für seine Ohren. Er war
jetzt stolz darauf, dass er etwas hatte, das außer ihm niemand besaß.

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